Hoch überm Brokser Markt – „Ich fliiiiege!!“

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Die Aussicht auf den Brokser Heiratsmarkt ist hier oben einzigartig und unvergleichlich. Hier oben im Riesenrad.

Br.-VILSEN - von Anne-Katrin Schwarze. „Damit können wir doch auch noch fahren!“, sagt Inaya begeistert und zeigt auf die Achterbahn. Oma Hildegard wird ganz nervös, wenn sie sieht, wie quirrlig sich ihre vierjährige Enkelin in der Gondel hin und her dreht, um bloß nichts zu verpassen.

Die Aussicht auf den Brokser Heiratsmarkt ist hier oben einzigartig und unvergleichlich. Hier oben im Riesenrad. Papa Roland gefällt der weite Blick. Die Landschaft, der Teppich aus Feldern und Wäldern, liegt einem zu Füßen. Bruchhausen-Vilsen wird für einen Moment zur Miniatur. Aus stattlichen 50 Metern Höhe.

Das Riesenrad der Familie Cornelius gehört seit mehr als 30 Jahren zu diesem Fest. Es ist so sehr mit dem Brokser Markt verbunden, dass es schon seit Jahren der offizielle Werbeträger auf den tausendfach verteilten Plakaten und Prospekten ist. „Es gehört dazu.“

Heinz Gildehaus hat hier schon vor Jahren mit den Kindern seine Runden gedreht. Seine Frau Marlies erinnert sich sogar an Klassenausflüge zum Brokser Markt. Jetzt fahren die Schwafördener mit ihrem dreijährigen Enkel Bruno. „Ich mag es gern etwas ruhiger“, erzählt Heinz Gildehaus, hat zum Plaudern aber nicht recht Zeit. Der Ausblick fasziniert ihn, jedes Jahr wieder. „Ich hätte nichts dagegen, wenn wir mal stehen bleiben würden, ganz oben, zwei Stunden lang“, er würde sich nicht einen Moment langweilen. Bruno entdeckt den Miniflieger, mit dem er eben schon abgehoben ist, aber dieser Ausflug gefällt ihm noch besser. „Ich möchte noch’ ne Runde“, sagt er, als er ahnt, dass die Gondel gleich stoppt. Lange betteln muss er nicht.

Lara hat gleich ihre ganze Familie dabei. Die Siebenjährige marschiert bei dieser Attraktion für Groß und Klein voran. „Ich fliiiiege“, ruft sie glücklich und beseelt den nasskalten Windböen entgegen und streckt fröhlich die Arme aus, als ließe sie sich wie ein Vogel durch die Lüfte tragen. Der große Bruder hält sich derweil an Papa fest, beide haben „Respekt vor der Höhe“. Mama Anke wäre allein nicht gefahren. Und doch reden alle Vier schon seit einem Jahr davon, beim nächsten Markt wieder einzusteigen. „Das ist bei uns Tradition.“ So wie Riesenrad und Kirmes als unzertrennliches Paar Tradition haben.

Die Geschichte reicht ins frühe 17. Jahrhundert zurück. Erste Modelle hießen „russische Schaukel“. „Unter den Kollegen wird bis heute vom ,Russen’ gesprochen“, gibt Betreiber Otto Cornelius aus der Fachsprache preis. „Ferris Wheel“ lautete der englische Begriff, der sich auf den Konstrukteur des ersten modernen Riesenrads zurückführen lässt: Der Brückenbau-Ingenieur George W. Ferris entwickelte für die Weltausstellung 1893 in Chicago diese Luftschaukel, die den Pariser Eiffelturm als Attraktion der Vorgängerschau in den Schatten stellen sollte. „Als Kind fand ich das Riesenrad riesig, das vielleicht ein Zehntel so groß war wie dieses“, erinnert sich Roland Kloos.

Auch die Schausteller-Familie Cornelius fing klein an, mit einem zwölf Meter hohen Geschäft, an dem zehn Gondeln hingen. Vater und Großvater Cornelius bauten es 1946 selbst, aus Holz, und reisten damit bis 1973 durch Deutschland. Das 20 Meter hohe Nachfolgemodell mit seinen 16 Gondeln kam lange Jahre nach Bruchhausen-Vilsen. Die 40 Meter hohe Neuauflage war 1989 die Schwindel erregende Bereicherung des Brokser Marktes. 50 Meter hoch hinaus geht es seit 1998. Damit steht in Broksen eines der größten transportablen Riesenräder überhaupt.

Sara ist ein bisschen blass um die Nase. Sie hält sich an Rieke fest. Die Hände der beiden sind ein Knäuel aus verhakelten Fingern. „Ich habe Höhenangst, richtig dolle Angst“, sagt sie atemlos, während sie die Augen zukneift, als ihre Gondel ganz oben, über allen Wipfeln, hält. „Aber ich finde es cool. Ich fahre jedes Jahr“, raunt sie gleich danach durch die zusammen gebissenen Zähne. Sara ist 13 und bummelt mit den gleichaltrigen Freundinnen Rieke und Neele allein über den Markt. Sie treffen jede Menge Leute aus der Schule in Hoya, fahren am liebsten in den großen Fahrgeschäften. Sara wartet dann, hält die Taschen. „Mir wird in den Karussells ziemlich schlecht“, gesteht sie, aber das Riesenrad lässt sie sich nicht entgehen und wagt einen Blick auf das Gewimmel herab. Als die anderen vor Vergnügen quietschen, lacht auch sie mit.

Lachende Gesichter gehören zum Riesenradfahren dazu. Kaum sitzt man richtig, hebt man schon ab, gleitet wie schwebend empor. Geräusche verlieren, die Perspektive ändert sich, man könnte ins Philosophieren geraten, wenn es nicht so viel zu gucken gäbe. Von hoch oben winkt fröhlich eine Gruppe Mitfahrer und bekommt von der Straße aus lachende Antwort. „Ich gönn‘ es jedem, aber mein Ding ist das nicht.“ Anita Böhnisch, ihre Geschwister und Schwägerinnen haben in und am Riesenrad großen Spaß, lachen so ausgelassen wie in Kindertagen. „Ich war vor 40 Jahren zuletzt hier“, erinnert sich ihr Bruder, der seitdem in Oberhausen lebt. „Nur für heute Nachmittag sind wir 256 Kilometer gefahren.“ Flott ist die Fahrt, beschwingt die Musik, Orchesterklänge, alte deutsche Schlager. Wenn auch an Kick nicht zu vergleichen mit „Project 1“ oder „Top Spin“, stehen hier selbst Teenies Schlange.

Tom, Marco und Björn in ihrem lässig-schwarzen Marktoutfit haben schon fast alles ausprobiert, jetzt ist das Riesenrad dran. „Ich muss einfach einmal mitfahren, das habe ich schon mit drei Jahren mit Oma und Opa gemacht“, hat der 14-jährige Tom seine eigene Markt-Tradition. Liv war ebenfalls drei Jahre alt, als sie zum ersten Mal aufgestiegen ist. Angst hat weder die Vierjährige, noch der sieben Jahre alte Til, „nur so ein Kribbeln im Bauch“. Sie drehen die Gondel für den perfekten Rundumblick, Richtung Zuhause, Richtung Schule, Richtung Miniscooter, zu dem sie auch unbedingt noch hin möchten. „Round and round and round it goes“, swingt es dezent aus den Lautsprechern. Immer wieder rund herum. Im Jahrmarkt-Veteran.

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