„Pött un Pann“ auf dem Brokser Markt

Das Mutterglück liegt zwischen Meterware

Bruchhausen-Vilsen - Sooooo, es geht wieder los!“ Und schon startet das nostalgische Kettenkarussell zu seiner nächsten Runde. Willi Winters Verkaufsstand liegt an der äußeren Marktreihe, Musik und Kommentare der Fahrgeschäfte kommen hier nur noch leise an.

Doch die Aufforderung zur rasanten Fahrt im Kettenflieger ist gerade laut genug, dass auch er sich animieren lässt. „Da brennt nichts an, da klebt nichts. Meine Damen, sehen Sie selbst. Und der Herr – Bratkartoffeln, die mögen Sie doch bestimmt auch“, legt Willi Winter mit seiner eigenen Kunden-Animation los.

Er steht in der Straße Am Marktplatz. An 360 Tagen im Jahr ist das die postalische Adresse für eine Handvoll Anwohner. Während des Brokser Marktes bekommen sie eine große Nachbarschaft. Dann wird ihre ansonsten wenige befahrene Pflasterstraße zum Herzstück des Rummels.

„Wir gehen grundsätzlich hier lang.“ Annita und Wilfried Meyer sind von Bremen nach Broksen gekommen, wie sie es seit Jahren schon in der „fünften Jahreszeit“ tun, wie die Einheimischen die Zeit rund um den Heiratsmarkt nennen. Dieser Markttag ist noch jung, doch das Ehepaar ist schon zum dritten Mal die Reihe rauf und runter geschlendert, in der die Händler ihren Platz haben. Wie die Besitzer der großen, der schnellen, der grellen Fahrgeschäfte und Buden sind auch sie fahrende Leute. Aus Westfalen, vom Rhein, aus Hessen kommen sie nach Bruchhausen, die meisten von ihnen nicht nur seit Jahren, sondern seit Jahrzehnten schon.

Willi Winter preist Keramik-Pfannen an

Haushaltswaren im weitesten Sinne haben sie anzubieten. „Pött un Pann“ ist in Broksen und umzu ein feststehender Oberbegriff für das, was seit jeher eine Seite dieses Marktes ausmacht: Die Krämer-Waren.

Anno dunnemals, als der Zirkus noch die Hauptattraktion war, die Bauern hier erst Vieh kauften und dann die gute Ernte begossen, vielleicht auch nach einer tüchtigen Frau für den Ältesten Ausschau hielten, als der Heiratsmarkt noch Bartholomäus-Markt hieß, „da durften fremdländische Waren oder gar solche aus Übersee von reisenden Händlern nur an solchen Markttagen dem Käufer angeboten werden“, heißt es in der Geschichte des Marktes, der seit fast 500 Jahren abgehalten wird.

Der Verkauf an der Haustür oder zu anderen Zeiten, als an den Markttagen, war verboten – zum Schutz des heimischen Handwerks.

Wer heute über den „Pött un Pann“-Markt streift, entdeckt viel Exotisches. Bei den buntlackierten Schalen aus Bambus und den japanischen Ölen ist das wörtlich zu verstehen, bei den meisten Produkten jedoch heißt das schlicht: Sie sind aus den Regalen der Läden verschwunden.

„Wir sind die einzigen Überlebenden mit Kittel und Schürzen“, blickt Heinz-Werner Eckhardt auf wohl 20 Jahre als Händler in Broksen zurück. Die klassische Kittelschürze, blau in der Grundfarbe mit Blümchen oder Rauten als hübsches wie unempfindliches Muster, bestimmt seine Kollektion. „Man ist immer angezogen, wenn es klingelt“, wirbt er mit einem Vorzug, den heute zugegebenermaßen die ältere Generation noch zu schätzen weiß. Doch mit der Lust am Kochen kehrte auch der Bedarf an Schürzen zurück: Alpines Karo für die Dame, dezente Streifen für den Herren, Eulen für Kinder. „Das sind die Renner.“

Heinz-Werner Eckhardt ist der letzte Überlebende mit Kittelschürzen

„Wir stellen uns darauf ein, was die Leute suchen.“ Dank dieses Geschäfts-Modells hat Andre Schönberg in einer Branche alle Hände voll zu tun, die nicht einmal mehr in Kaufhäusern das ist, was sie früher noch in jedem Dorfladen war: Hauhaltswaren.

Seine Rührlöffel sind aus Esche oder Kirsche, weil dieses Holz die Hitze verträgt. Bürsten jeder Länge, jeder Dicke, gekrümmt oder gerade lässt er anfertigen, damit seine Kunden bei ihm finden, womit man Düsen am Kaffeevollautomaten oder den Überlauf am Waschbecken tatsächlich sauber bekommt. „Das bekommt man doch nirgends“, klagt eine Kundin, während sie die kleine Bürste in ihre Handtasche verstaut. Dörte und Günter Griggel nehmen die knisternde Plastiktasche gerne an, in der Andre Schönberg zwei Holzlöffel, einen Bratwender und ein Messer über den hohen Verkaufstresen reicht. Das ältere Ehepaar aus Bremen weiß die Qualität zu schätzen. „Wir sind schon mit unseren Eltern hier gewesen“, blicken sie auf ihre eigenen Markt-Tradition zurück. „Mein Bruder kauft hier seine Hüte.“ Groß-Familie Lukaschwesky aus Syke hätte viele Tüten zu schleppen. Weil sie „schon immer“ mit einer ganzen Einkaufsliste den Weg durch diese Markt-Reihe antreten, hat Mutter Sabine einen Rucksack dabei. Frühstücksbretter, Gewürze, Kochlöffel, Gürtel stehen in diesem Jahr darauf. „Und ein anständiges Portemonnaie“ für Vater Heiko.

Socken ohne Gummi findet man neben Holz-Löffeln, deren Qualität Dörte und Günter Griggel aus Bremen schätzen

„Der neue Führerschein passt genau in die Hülle“, empfiehlt Oliver Schwiontek eine kleine Börse, die beim Marktbummel sicher in die Hosentasche passt. Neben den Modellen für die aktuellen Formate der Papier und Scheine, die man so bei sich trägt, hat der Bielefelder auch eine Auswahl an „Opa-Geldbörsen“ zu bieten. Ältere Herren bevorzugen die besondere Aufteilung mit dem Klick-Verschluss, ältere Damen möchten das längliche Format mit dem separaten Kleingeldfach samt Knipsverschluss nicht missen. Fachbegriff dafür: „Mutterglück“.

Ob die aus dem Einzelhandel verschwundenen langen Stricksocken mit Zopfmuster für Jäger oder Wanderer, Spitze als Meterware, Strumpfhalter für Sie und Ihn oder Kartoffelstampfer, ob Hüte und Taschen für jeden Anlass, Reinigungsmittel für alle hartnäckigen Fälle, praktische Küchenutensilien oder Miederwaren, ob edler Schmuck für besondere Anlässe oder modische Accessoires, ob Blumenzwiebeln oder individuell bedruckte Bierdeckel – hier findet man sie. Zwischen Pött und Pann der neuesten Generation. „Aus Keramik, meine Dame, da brennt nichts an, da klebt nichts fest. Groß, klein Mittel, welche darf ich einpacken?“

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