Mit einem Plüschteddy auf dem Brokser Heiratsmarkt

Mein Tag mit Johnny

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Volontärin Mara hat sich in Johnny verliebt...

Ein Jahrmarktsexperiment von Mara Schumacher: Als ich am Samstagmorgen aufwache, denke ich kurz, von einer Pferde-Herde überrannt worden zu sein. Mir tut alles weh. Arme, Beine, Füße. Der Grund für diese Qual waren allerdings keine Pferde, sondern ein Plüschteddy namens Johnny (der beste Name der Welt).

Wie es dazu kam? Ich hab mich schon total oft gefragt, wie es den Leuten wohl geht, die in der Losbude auf Jahrmärkten als Hauptpreis so ein riesiges Plüschtier gewinnen, welches sie dann den ganzen Tag rumschleppen müssen. Freut man sich da wirklich? Das nervt doch tierisch.

Ich will es genauer wissen und mache mich auf dem Weg zur Losbude „Silbermine“, da es dort augenscheinlich die größten Gewinne gibt. Losbuden-Besitzer Lars Kellner und seine Jungs sind so nett und geben mir für einen Tag einen riesigen, flauschigen Plüschteddy, damit ich meinen Selbstversuch starten kann. Lars Kellner gibt mir noch warnende Worte mit auf den Weg: „Das wird anstrengend!“ Und er soll Recht behalten. Schon nach einer halben Stunde bin ich völlig fertig. Das Fell von Johnny ist bei 26 Grad draußen einfach viel zu warm und egal, in welcher Position ich ihn mitschleppe: Es ist unheimlich unpraktisch, weil ich mich nicht frei bewegen kann und nur eine Hand frei habe.

Johnny zieht alle Blicke auf sich. Alle finden ihn süß, ich werde immer mitleidig angelächelt. Kein Wunder, der Teddy ist ja fast genauso groß und schwer wie ich, und mich würde ich selbst auch nicht rumschleppen wollen.

„Oh, du hast jetzt schon gewonnen?“ wird mir ein paar Mal zugerufen, jedes Kind fängt beim Anblick von Johnny sofort an zu strahlen: „Guck mal, Mama, der süße Teddy!“. Ja, der Teddy ist süß, aber eine Plage! Nach einer Stunde bin ich völlig verzweifelt und will mein Experiment schon abbrechen. Ich mache mit Johnny kurz Pause auf einer Bank. Nach zwei Minuten kommt eine liebe Oma vorbei, die unbedingt ein Foto von mir und Johnny machen will, da wir so süß seien. Na gut, immerhin findet mich auch mal jemand süß und nicht immer nur den Teddy.

Johnny fühlt sich in der Schubkarre wohl.

Ich rappele mich wieder auf und nehme Johnny Huckepack. Das ist noch anstrengender und sieht extrem lächerlich aus. Wie soll ich den Tag bitte schaffen, wenn ich mich nach zwei Stunden schon fühle, wie nach einem Marathonlauf in der Sahara (nicht, dass ich das schon mal gemacht hätte, aber so muss es sich anfühlen). Ich muss mir unbedingt was einfallen lassen, ich schwitze mich sonst zu Tode. Johnny und ich schlendern über den Markt und ich überlege, was mir nützlich sein könnte, um den Teddy nicht mehr tragen zu müssen. Und nach ein paar Metern steht die Lösung schon vor mir: Ne grüne Schubkarre! Perfekt, da kann ich auch direkt meine nervige Tasche reinschmeißen. Das Ding ist: Der Schubkarrenstand-Betreiber denkt doch bestimmt, dass ich den Schuss nicht gehört habe, wenn ich ihm sage, dass ich den Teddy damit umherfahren will. Aber er willigt ohne zu zögern ein und gibt mir für ein paar Minuten die Schubkarre. Aber nur, weil ich angeblich so vertrauenswürdig aussehe. Tja, Leute mit Tieren können eben nicht schlecht sein.

Leider falle ich nun noch mehr auf.

Die Karre ist riesig und ich bekomme erste Zweifel, ob das jetzt wirklich eine Erleichterung für mich ist. Mit dem Ding über den Schotterweg zu fahren, macht schon mal keinen Spaß und ich fahre einem Opa fast über die Füße. Aber Johnnys glückliches Gesicht motiviert mich. Ihm scheint das gut zu gefallen, ist ja auch bääärig. Nun gucken mich wirklich alle Leute an, lachen und rufen mir Sprüche wie "Coole Idee" hinterher. An sich ist das mit der Schubkarre auch echt gut, aber das Teil nimmt den ganzen Weg ein und ich muss höllisch aufpassen, dass ich nicht aus Versehen kleine Kinder damit vom Weg ramme. Lars Kellner unterbricht kurz sein Programm als ich an seiner Losbude vorbeilaufe und erzählt den Leuten vor seinem Laden mit Mikrofon, was ich für einen Auftrag habe. NUN gucken echt alle. Also jeder, wirklich.

Danke für die Schubkarre

Mittlerweile hat mich auch jeder Marktbesucher mindestens einmal gesehen. was ich an Sprüchen wie "Die mit dem Teddy ist da wieder" erkennen kann. Schade, dass ich Johnny heute Abend wieder abgeben muss, mittlerweile habe ich mich sehr in ihn verliebt. Nachdem ich die Schubkarre wieder abgegeben habe und mit den Standbesitzerin noch ein flauschiges Erinnerungsfoto gemacht habe, gehe ich Karussell fahren. Bei weniger rasanten Fahrgeschäften sollte man Johnny doch problemlos mitnehmen können.

Ahhhh...

Und tatsächlich: Geisterbahn fahren ist schon mal kein Problem. Allerdings habe ich da ein kleines Problem, weil ich Geisterbahnen überhaupt nicht leiden kann. Ich bin ein schreckhafter Schisser. Das muss das "lebende Gepenst" in der Bahn irgendwie gemerkt haben, denn er taucht paar Sekunden aus dem Nichts auf und ich schreie mir die Seele aus dem Leib. Johnny macht das alles gar nichts aus. Zwischendurch ist er sogar kurz eingeschlafen, glaube ich. Da mir immer noch tierisch warm ist, kann ja ein bisschen Fahrtwind nicht schaden. Johnny und ich gehen ins Riesenrad. Auch da kann er ohne Probleme und umsonst mitfahren. Ein wirklich tierfreundliches Karussell.

Nein, eine Leine ist nichts für Johnny

Uii, das tut gut. Ich fühl mich erfrischt und wieder voll motiviert. Ich würde auch locker eine Woche mit Johnny herumlaufen. Wir gehen zu den Marktständen auf der "Pött- und Pann"-Meile. Ich finde eine blaue Hundeleine, die optisch super zu seinem blauen Schal passt. Warum er den bei der Hitze überhaupt trägt, verstehe ich sowieso nicht. Aber Johnny wollte da nix zu sagen. Anleinen findet er auch blöd, er macht sich steif und lässt sich über den Boden schleifen. Jetzt ist sein Popo dreckig, na toll. Habe Lars Kellner doch versprochen, dass er unversehrt wieder zurückkommt.

Oh, oh..

Mein letzter Programmpunkt ist die Miss Wahl im Musikladen-Zelt. Johnny freut sich schon auf die Mädels. Im Zelt werde ich von gefühlt jedem Zweiten wegen Johnny angesprochen. So kommt man auf jeden Fall ins Gespräch. Vielleicht sollte ich mal einen Teddy mitnehmen, wenn ich auf Flirttour bin. Plötzlich springt mir wie aus dem Nichts eine Frau vor die Füße und fragt, ob sie mal mit Johnny tanzen dürfe. Klar, denke ich mir und schon legt sie los. Ich bin etwas schockiert, denn was die Frau auf der Tanzfläche mit Johnny macht, hat mehr was von Sex als von tanzen. Ist der Teddy überhaupt schon 18? Nach dem heißen Tanz sieht der Gute auch etwas fertig aus, ich gebe ihm ein Schluck von meinem Energy-Drink. Aber das findet er eklig und zieht ne Schnute. Mittlerweile ist es 21 Uhr und ich habe Johnny seit sechs Stunden bei mir. Ich will ihn nicht mehr weggeben, ich will mit ihm den ganzen Abend kuscheln. Manno. Aber ich weiß, dass es Zeit wird.

Schweren Herzens gehen Johnny und ich zu Lars in der Losbude. Vorher mach ich sein Fell noch ein bisschen sauber, sonst gibt es Ärger! Lars nimmt den Teddy entgegen und ich hoffe so sehr, dass ein lieber Mensch ihn gewinnt, damit er nicht mehr im Losbuden-Lager wohnen muss. Johnny hat mir übrigens noch ins Ohr geflüstert, dass ich eine ganz tolle Bären-Mama bin. Lars hat mir auch noch was verraten, was eigentlich so logisch und klar ist, dass ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht habe: wenn man das Hauptgewinn-Los zieht, muss man das natürlich nicht direkt einlösen. Man kann also ganz entspannt ohne riesigen Teddy über den Markt laufen und sein Los abgeben, wenn man nach Hause fährt. Das heißt also, dass mein Experiment nichts mit der Realität zu tun hat, aber egal. Mein Fazit: Johnny ist ein schwerer, großer, warmer Teddy, der einen Jahrmarktbesuch nicht gerade erleichtert. Zumindest durfte er immer mit Karussell fahren.

Er zaubert ein Lächeln in kleine Kindergesichter und auch alle anderen Menschen haben gelacht. Ob sie mich nun ausgelacht haben, weiß man nicht. Aber die schöne Erkenntnis ist, dass ein Kuscheltier durchweg positive Reaktionen ausgelöst hat und das finde ich großartig.

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