Die große weite Welt war immer dabei – und warum aus dem Montag als Brückentag ein Festtag wurde

Kapitän Dreyfuß auf Brokser Markt

BROKSEN, wie es sich in früheren Jahrzehnten darstellte. Der Stall links im Bild wurde nur zu Marktzeiten geöffnet, er diente den Pferden als Ausspann.

Natürlich wurde ordentlich gefeiert, damals schon, in Tanzzelten zum Beispiel, doch der Brokser Markt früherer Jahrzehnte, das war immer auch Anlass für einen Hauch von großer weiter Welt, die sich über den Flecken und seine Besuchern legte.

Und so wichtig, dass er nicht selten auch Thema für den nächsten Schulaufsatz war. Lehrerstochter Johanne Alfke hat ihre Eindrücke vom Marktgeschehen in einem ihrer Aufsätze niedergeschrieben. Sie schildert die Begebenheiten aus dem Jahr 1898, und da vor allem den Haupttag, den Dienstag. „Gegen elf Uhr vormittags klärte sich der Himmel etwas auf, und das Wetter bleib dann den ganzen Tag den Marktbesuchern günstig,“ notierte sie, „als ich gegen Mittag auf dem Markte anlangte, war der Trubel schon im schönsten Gange.“

Am meisten Freude habe ihr das Karussell bereitet. „Außerdem waren noch zwei Schiffsschaukeln da, welche aber wenig benutzt wurden.“ Und dann eben die Sache mit der großen weiten Welt, die sich den Besuchern offenbarte – in Form von Buden, in denen das Wichtigste zusammengetragen und gegen Eintritt vorgestellt wurde. „In einer der Buden,“ schreibt die Ende der 60er Jahre verstorbene Johanne Alfke, „konnte man die Seeschlacht von Manila sehen, ein Schiff voll Rauch und Feuer, sodann die Hinrichtung der Hebamme Schmidt. Das schönste war der Kapitän Dreyfuß auf der Teufelsinsel. In einer anderen Bude wurden zwei Congoneger gezeigt. Auch an Kuchenbuden war kein Mangel. Der Kasper stand wieder auf seinem alten Platze und machte die unglaublichsten Streiche. Zwischen den Buden gingen Leute umher, welche Luftballons, Flöten und manches andere zu bieten hatten.“

Der Bruchhausener Heinrich Schlake (76) hat die Aufzeichnungen Johanne Alfkes im Original aufbewahrt. „Vieles kommt mir darin bekannt vor, ich habe es auch noch so erlebt,“ sagt er. Die Karussells beispielsweise, die sich selbstverständlich auch in seiner Kindheit auf dem Markt drehten, in den auslaufenden 30er Jahren, in denen seine Erinnerung einsetzte. „Allerdings waren die Karussells damals schon elektrisch angetrieben. Zu Johanne Alfkes Zeiten dürften noch Karussellschieber am Werk gewesen sein.“

Längst hatte der Brokser Markt damals noch nicht jene Ausmaße erreicht, die er heutzutage einnimmt. Auch in den auslaufenden 40er Jahren noch nicht, als das Geschehen nach den Kriegswirren wieder Fahrt aufnahm. Und längst zog er sich nicht von Freitag bis Dienstag hin. Lediglich Sonntagsnachmittags hatte er geöffnet und dann eben am Haupttag, dem Dienstag. Als erstes kam zwecks Erweiterung in den 50er Jahren der Sonnabend hinzu. Die Schausteller hatten offiziell argumentiert, dass es sich für anderthalb Tage nicht lohne, die großen Fahrgeschäfte aufzubauen. Dass dann der Montag ebenfalls nicht lange auf sich warten ließ, hatte einen allzu menschlichen Grund. Heinrich Schlake schmunzelt, als er davon berichtet. „Eine Schaustellerin hat mir mal ganz im Vertrauen gesagt, worum es wirklich geht. Montags nämlich hatten die Angestellten in den Tanzzelten und in den Buden frei. Natürlich saßen sie dann beieinander, sie haben gefeiert, immer ausgiebiger gefeiert bis tief in die Nacht.“ Das ernüchternde Ergebnis: Ausgerechnet am Dienstag, am Haupttag also, lagen die Bediensteten in sauer.

An jenem Tag also, an denen in Broksen der Ausnahmezustand herrschte. In der ganzen Gemeinde Feiertagsstimmung, die Kinder hatten schulfrei, nicht nur in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg, sondern auch schon zu Johanne Alfkes Zeiten im auslaufenden 19. Jahrhundert, und dann begann er, der große Zustrom. „Die Pferdeställe am Ortseingang, sie wurden nur einmal im Jahr geöffnet,“ sagt Heinrich Schlake, „sie dienten als Ausspann für die vielen Menschen, die mit Pferd und Kutsche in den Ort kamen.“

In den Familien war man auf großen Besuch eingerichtet. „In fast jedem Haus wurden lange Tische gedeckt, daran nahm dann die Verwandtschaft Platz und ließ es sich munden, die ganze Verwandtschaft, jedes Jahr. Das waren schöne Traditionen“, sagt Heinrich Schlake. Während ältere Broksener an diesem Dienstag zuhause blieben, irgendwer musste ja die Bewirtung übernehmen und hinterher alles wegräumen und überhaupt die einquartierten Pferde oder abgestellten Fahrräder bewachen, zog es die jungen Leute auf den Markt. „Ich bin schon unruhig geworden, wenn morgens um drei Uhr die Pferde vor unserem Haus vorbeitrappelten,“ sagt Heinrich Schlake. Mit allen Kindern zogen sie dann auf den Marktplatz. Und manch einer versuchte sein Glück zu machen, beispielsweise an den Losbuden. „Mein älterer Bruder Günter, er hat einmal einen riesigen Teddy gewonnen. Das war ein solch großes Ereignis, da musste er gleich zum Fotografen.“ Das Bild von 1933 hat die Zeiten überdauert. Es ist sorgfältig in ein Album geklebt worden.

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