Henry Stummer: Stationen eines Schaustellerlebens - Teil 2

25 Schulwechsel in einer Saison

Henry Stummer (Mitte) mit Geschwistern in der Schießbude.

Bruchhausen-Vilsen - von Heinrich Kracke.  Eigentlich ist er Rentner. Seit acht Jahren schon. Und das macht es besonders schwierig. „Ich hab' wenig Zeit,“ sagt Henry Stummer (69). Er bildet die vierte Generation des gleichnamigen Brokser Schaustellerunternehmens.

 „Ich muss fahren.“ Und schon ist er aus dem Haus und fährt dorthin, wo die fünfte Generation gerade steht. „Meistens bin ich dienstags unterwegs. Ich fahre eine der Zugmaschinen zum nächsten Marktplatz.“ Dass er dafür hunderte von Kilometern in Kauf nimmt, stört ihn wenig. Im Gegenteil. „Es lenkt mich ab.“ Während Ehefrau Karin Stummer nach der Saison 2006 ohne Probleme, wie sie sagt, dem Schaustellerleben Adieu sagen konnte und sesshaft wurde, fiel ihm der Abschied schwerer. „Daran musste ich arbeiten,“ sagt Henry Stummer.

Dabei sei ihm seit langem klar gewesen, dass er nicht ewig auf den Jahrmärkten arbeiten konnte. „Mit 40 wird man schon komisch angeschaut. Muss der alte Mann immer noch mit den schweren Teilen seines Großfahrgeschäftes hantieren, haben sie gesagt.“

Die früheren Generationen haben länger gemacht. Seine Mutter Thea etwa. Bis ins hohe Alter saß sie an der Kasse, ehe sie 89-jährig starb, wenige Tage vor dem Brokser Markt starb. „Zwei Tage vor dem Markt wurde sie zu Grabe getragen. Alle Schausteller waren schon angereist. Es war eine Riesenbeerdigung, es hätte ihr gefallen.“ Auch Großmutter Dorette Stummer stand bis ins hohe Alter ihre Frau und reiste mit.

Aber wie wird man eigentlich zum reisenden Volk. Nie Heimweh? Immer gern unterwegs? Gene, die in die Wiege gelegt sind? „Wichtig ist, dass schon die Kinder mitreisen,“ sagt Henry Stummer, „sonst wird das nichts.“ Er wurde nicht gefragt, Ehefrau Karin ebenfalls nicht. „Wir wurden einfach mitgenommen, und wir fanden das schön.“ Schon zu ihrer Zeit freilich setzte ein Umdenken unter den Schaustellern ein. Einige schickten ihre Kinder schon aufs Internat. In Bremen war eine solche Einrichtung aus der Taufe gehoben worden. „Später zeigte sich allerdings: Wer in der Schulzeit sesshaft geworden ist, der war auch als Erwachsener nicht wieder für die Schaustellerei und die unterschiedlichen Standorte zu gewinnen.“

Unterschiedliche Jahrmärkte, das bedeutete freilich auch ständiger Schulwechsel. „In der ersten Klasse war das schon ein bisschen komisch,“ sagt Henry Stummer, „dann habe ich mich dran gewöhnt.“ Scheeßel, Buchholz, Schneverdingen, Rotenburg, Lilienthal, Worpswede, Broksen, Verden – die Liste jener Orte, in denen er regelmäßig die Schulbank drückte, kann er noch ein gutes Stück fortsetzen. Erst bei 25 stoppt er. Und obwohl die Schausteller-Kinder oftmals lediglich vier bis fünf Tage anwesend waren, genossen sie hohes Ansehen unter den Mitschülern. „Jeder und jede wollte mit uns befreundet sein,“ sagt Karin Stummer, „immerhin winkten Freifahrten auf dem Jahrmarkt.“

Vier bis fünf Tage Anwesenheit reichten freilich nicht, um den Lehrplan kontinuierlich zu verfolgen. „Meist sind wir mitten in ein Thema hineingeplatzt und mitten aus dem Thema wieder herausgerissen worden.“ Erst mit Nachhilfeunterricht in den Wintermonaten brachten sie sich so einigermaßen wieder auf den Leistungsstand der gleichaltrigen Kinder, sagt sie.

„Besonders in Erinnerung geblieben sind mir die Aufsatzthemen,“ sagt Karin Stummer, „wir waren ja meist noch nicht dabei, als das Aufsatzthema behandelt worden war. Also haben mir die Lehrer gesagt, schreib was über den Jahrmarkt.“ Oft haben sie das gesagt. „Ich konnte meinen Jahrmarkt-Aufsatz fast auswendig. So oft habe ich ihn geschrieben. Einmal bin ich aus der Haut gefahren. Da habe ich gesagt: Ich will nicht dauernd über den Jahrmarkt schreiben. Aber ein anderes Thema fiel dem Lehrer auch nicht ein.“ Häufig standen Schützenfest auf dem Fahrplan der Schausteller. Und dort gehörte es zur langjährig erprobten Praxis, dass nachmittags die Kinderbelustigung auf dem Programm stand. Sackhüpfen, Mastklettern, Eierlaufen und manches mehr. Auch die Schaustellerkinder durften daran teilnehmen. „Wir hatten einfach die beste Übung,“ sagt Henry Stummer, „ich weiß nicht, wie viele Wettbewerbe ich gewonnen habe. Wir waren immer gut.“ Als Preise winkten Karten für die Fahrgeschäfte, die von den Schaustellern gestiftet wurden. „Die durften wir nicht behalten. Wir haben sie an umstehende Kinder verschenkt.“

Lesen Sie hier Teil 1

Fortsetzung folgt...

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