Henry Stummer: Stationen eines Schaustellerlebens - Teil 1

Eine Kuchenbude reichte zu Anfang

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Schon als Kind gehörte Henry Stummer zum „Personal“ auf dem Kinderkarussell. Das Fahrgeschäft hat die Zeiten überdauert. Es wird gegenwärtig restauriert.

Bruchhausen-Vilsen - von Heinrich Kracke. „Plane drüber, und schon hatten wir eine Bude für die Kirmes.“ Er zählte süße vier Jahre, als er das erste Mal auf dem Brokser Markt stand und die Menschen strömten. Wieder strömten. In den Nachkriegsjahren nach all der Entbehrung wieder Geselligkeit suchten und vielleicht auch lachen wollten, unbeschwert lachen, und der Not und dem Hunger und den ganzen Tragödien wenigstens für ein paar Stunden zu entfliehen hofften.

Dem Brokser Henry Stummer (69) sind diese Ereignisse unauslöschlich im Kopf geblieben.

In drei Wochen startet in Broksen erneut die fünfte Jahreszeit. Es ist sein Heimat-Jahrmarkt, wahrscheinlich hat er in den vergangenen 66 Jahren keines dieser Volksfeste verpasst. Im Gegenteil, er war mittendrin statt nur dabei, und auch am 22. August wird er wieder auf dem Marktplatz stehen und schon mit dem ersten Blick erkennen, was sich alles getan hat. Und wer mal wieder was tun könnte, um am Puls der Zeit zu bleiben, auch das bleibt ihm nicht verborgen. Er war ebenfalls gezwungen, immer was zu tun, um das Publikum auf sich und sein Fahrgeschäft aufmerksam zu machen.

Mitten in die Schaustellerfamilie Stummer ist er geboren, 134 Jahre ist sie schon in Bruchhausen-Vilsen ansässig. Und die jährliche Tour Ende August in den Heimatort galt und gilt als Höhepunkt der Saison. „In den ersten Nachkriegsjahren standen die Fahrgeschäfte und Buden gerade mal in vier Reihen. „Es gab eine Luftschaukel, ein Kettenkarussell und zwei Bodenkarusselle,“ sagt Henry Stummer, „dann eine Schießbude und eine Kuchenbude mit Lebkuchenherzen und schönen Sprüchen darauf.“ Getränkestände? Suchte man vergebens. Imbissbuden? „Iss dich zuhause satt, dann kannst Du Karussell fahren,“ hieß es. An zwei Tagen hatte der Markt geöffnet, am Dienstag, dem Haupttag, und am Sonntag, der als keine Einstimmung galt. „Der Montag war der schönste Tag. Da hatte der Markt geschlossen. Traditionell trafen sich dann die Schausteller und feierten.“

Der Brokser Heiratsmarkt hatte kurz nach dem Krieg längst nicht die Bedeutung, die er heute hat, sagt Henry Stummer. Noch weit über das Kriegsende hinaus galt der Nienburger Frühjahrsmarkt als das Volksfest mit der größten Magnetwirkung. Auch ein Foto mit dem Karussell der Familie Stummer hat die Zeiten überdauert. Auf dem Nienburger Schlossplatz wirkte es unter den vielen andere Fahrgeschäften fast schon ein wenig verloren.

Erst mit der allmählichen weiteren Öffnung an zusätzlichen Tagen begann der Siegeszug des Brokser Heiratsmarktes. Ein Ausschank kam sehr schnell hinzu, der nächste ebenfalls. Imbissstände öffneten. Und am Denkmal stand eine Losbude. Der Ritterhuder Henry Eberhard ließ keinen Brokser Markt aus. Anfangs lagen sogenannte Fresskörbe in den Auslagen, ein Riesenrenner. Später gab es als Hauptpreis ein Kaffeeservice zu gewinnen, und auch hier blieb die Familie Eberhard nicht lange auf den Losen sitzen. Selbstverständlich fuhr auch die nächste Generationmit, Karin Eberhard, sie trägt seit ihrer Hochzeit den Namen Stummer. „Wir haben uns schon als Kinder kennengelernt,“ sagt Henry Stummer und schmunzelt.

Er empfand die Kindheit in einer Schaustellerfamilie als ein „sehr freies Leben“. Allerdings wurde Henry Stummer schnell in den Betrieb eingebunden. Vater Willi starb schon 1955 bei einem Jahrmarktaufenthalt in Scheeßel, die ganze Last lag jetzt auf Mutter Thea. Da mussten die Kinder helfen, wann immer es ging. „Ich habe das Fahrgeld eingesammelt,“ sagt Henry Stummer. Mit zehn, mit elf Jahren schon. Die Kinder in dem Karussell, auf dem er stand, waren kaum jünger. 20 Pfennig kostete Mitte der 50er Jahre die Fahrt. Bezahlt wurde damals in bar beim Personal. „Wenn jemand den Betrag passend hatte, war alles gut,“ sagt er heute, „wenn jemand mit Markstücken ankam oder sogar Fünf-Mark-Scheinen, begann die Aufpasserei.“ Zum gewohnten Bild gehörte es seinerzeit, dass er gleich mehrere Fahrgäste anlief, ehe er zur Karussell-Kasse zurückkehrte und das Wechselgeld abholte. „Ich musste mir sehr genau merken, wer mir wieviel gegeben hat. Wenn ich auf ein Zweimarkstück Viermarkachtzig zurückgab, hat der sich nicht beschwert. Bei einsachtzig auf den Fünfmarkschein gab's Riesentheater.“ Irgendwie habe er versucht, seinen Fehler auszumerzen, meistens gelang es ihm. Erst Ende der 50er Jahre zogen die Fahrbilletts aus gehärtetem Papier in den Fahrgeschäften ein, 20 Jahre später kamen die ersten Plastikchips auf.

Lesen Sie hier Teil 2

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