So erging es mir im vorigen Jahr ...

Onkel Theobald Bumklüten sieht aus wie die Gemütlichkeit in Person, und er ist auch ein herzensguter Kerl, ein bisschen mit Spitzkühler vorne, einem kleinen Seehundsbart in dem rötlichen Gesicht und einer Donnerstimme wie das Grollen eines Juligewitters.

Zur Familie gehört, und zwar bedeutend, Tante Amalie, seine schon 26 Jahre lang ihn - nach seiner Meinung fast zu viel - betreuende Gemahlin. Sieht aus wie, na mit einem ihrer Lieblingsworte: "Theobald, hierher!" ist alles beschrieben. - Lieschen ist meine 22 Jahre alte Kusine, jung und niedlich, heimlich, aber unheimlich verliebt in meinen guten Freund Heini. Und damit kommen wir zum tragi-komischen Gang der Handlung.

Ich hatte für Heini - für eine Schachtel Zigaretten und die Beteuerung seiner unverbrüchlichen Freundschaft - am Brokser Markttag bei Onkel Theo zu erscheinen - so zufällig, versteht sich - und dann Lieschen zu verstehen zu geben, dass sie doch um 5 Uhr pünktlich an Thomas' Autobahn sein sollte, aber alleine! Lieschen glühte im Gefühl wonniger Vorfreude wie eine Pfingstrose und sang mit Hingabe das schöne Lied: Liiiiiebe istaaiiin Gehaaaaiiiiimnis!

"Lass das dämliche Plärren", brummelte Onkel Theobald. - "Du willst wohl dem Kinde die Freude zum Markt verderben, was?", meinte Tante Amalie spitz. - "Quatsch, Markt, Blödsinn, wir gehen nicht hin, das Geld legen wir mit an die Seite für den neuen Schweinekartoffeldämpfer!

Lieschen begann zu heulen.

Tante Amalie schnaufte vernehmlich, stemmte die runden Arme in die runden Hüften und meinte: "So, und du denkst, wir lassen uns das verbieten; nein, das Kind soll auch seine Freude haben, und du weißt, dass ich einen neuen Kleiderstoff haben muss!

Ich stand ziemlich hilflos in der Stubenecke.

Der Alte knurrte vor sich hin: "Meinetwegen - Und dass du dich bald umziehst, wir wollen dann losfahren! Fritz", da traf mich ein befehlender Blick, "kann gleich mitfahren!" Zwei Stunden später rollte die Porzellanfuhre ab.

Um 4 Uhr waren wir auf dem Brokser Marktplatz.  Lieschen schaute immer schon auf die Armbanduhr. Onkel Theobald wollte sich zunächst von der staubigen Fahrt stärken. Tante Amalie wollte zum Kleidereinkauf, bevor die besten Sachen weg waren. Lieschen wollte gleich auf den Festplatz.

Ankündigungsplakate im Wandel der Zeit

Die Ankündigungsplakate im Wandel der Zeit

"Musst du immer gleich an deinen Bierpott? Du bleibst jetzt hier!" Onkel Theo bewies seine Friedensliebe und ging mit. Die Kleiderstoffe im ersten Laden gefielen Tante Amalie gar nicht. Sie sah die Hoyaer Kleinbahn eben halten und wollte nach Vilsen fahren. - Die Uhr war ein Viertel vor 5. "Lieschen kann mitfahren" - Lieschen druckste vor sich hin: "Mama, ich kann doch bleiben!" Theobald meinte: "Na, Mädel, der Tag ist doch noch lang genug, fahr' man mit Muttern."

"Nein, ich hab's mir anders überlegt, Lieschen kann hier bleiben, sonst setzt du dich gleich wieder irgendwo beim Bier fest. Du weißt, du sollst nicht zu viel trinken!"

Die Uhr war 5 Minuten vor 5. Lieschen wagte einen Vorstoß. "Du, Mama, kann ich nicht vielleicht mal so über den Platz gehen? Vielleicht mit Fritz?" Ich erbot mich sofort. Aber wieder gab es Einwände. "Nein, erst wollen wir mal Kaffee trinken!" Lieschen zerknüllte ihr Taschentuch in der Hand. "Aber ich würde ganz gern einmal Karussell fahren!" "Blödsinn, ein erwachsenes Mädchen fährt nicht Karussell!" Lieschen heulte. "Wenn du flennst, fahren wir gleich wieder zurück".

Jetzt ermannte sich Onkel Theobald. Trotz der Zuhörer - mittlerweile war die reizende Familienszene schon eingekreist von belustigten Zuschauern - donnerte er mit erheblichem Stimmenaufwand: "Zum Donnerwetter, jetzt habe ich aber genug, macht was ihr wollt!" Sprach es und drehte sich auf dem Absatz. Weg war er.

"Da, hier ins Zelt ist er hineingelaufen!" Ich musste hinterher und packte kurzentschlossen Lieschen am Arm. Hundert Menschen lachten, und ein Schaubudenbesitzer, der vergeblich die Menschmassen auf sich locken wollte, meinte: "He, sie alte Spinatwachtel, wenn se hier Zirkus machen, dann zeijen se mal ihren Gewerbeschein und de Quittung für't Standgeld, sonst beschwer ick mir wejen unlauteren Wettbewerb!"

Onkel Theo war nicht zu finden. - Ich fand Tante Amalie wutschnaubend vor der Artistenbude, und es sah ganz danach aus, als wollten die Leute hier draußen einen Gratis-Ringkampf erleben.

Tante Amalie wurde schwach, sie wankte auf eine Kaffeebude zu.

Ich verdrückte mich so gut ich konnte und steuerte quer über den Platz. Im Vorbeigehen sah ich Lieschens grünes Hutband aus dem Karussell flattern. Heini strahlte übers ganze Gesicht und winkte mir zu. An der Ecke hörte ich Onkel Theos Donnergrollen von der Zelttheke her: "Ein Prosit der Gemütlichkeit!" Nachher ist hier ein Dauer-Doppelkopp entstanden, der an Ausgiebigkeit dem Kaffeeklatsch nebenan nichts nachstand.

Am Abend dann, als wir nach Hause fuhren, hatte Lieschen nach empfangener Gardinenpredigt dann den elterlichen Segen zur Verlobung mit meinem guten Freund Heini, Tante Amalie hatte nach dem vielen Kuchen Magenbeschwerden, und Onkel Theobald schnarchte schon unterwegs seinen Glimmer aus. Nur wenn es einmal über einen Stein ging, dann wachte er auf und sang in seinen Seehundsbart: "Ein Pro-o-sit der Ge-mü-üt-lichkeit!"

Ich aber hatte das stolze Bewusstsein, schließlich doch ein gutes Werk getan zu haben, und gleichzeitig den festen Vorsatz, in diesem Jahr nicht mehr am Markttag zufällig bei Onkel Theobald und Tante Amalie vorbeizusehen. Dann schon lieber zu Heini und seiner jungen Frau! Das meint ihr doch auch, nicht wahr?

Fritze Bumklüten Aus "Hoyaer Wochenblatt" - Beilage, August 1939

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