Als die Brokserin Anni Garns ein Stück Geschichte schrieb

Steilwandfahrer gehörten in früheren Jahrzehnten zum gewohnten Bild auf Jahrmärkten.

BR.-VILSEN (kra). Es hat immer wieder schwere Unfälle gegeben und Todesfälle. Kein Wunder, dass die Motorradshow in der Steilwand zur aussterbenden Spezies der Jahrmarkt-Attraktionen gehört. Kaum noch jemand, der sich in die Wand hineinwagt, kaum noch jemand, der die zwischenzeitlichen Strapazen mit Auf- und Abbau auf sich nimmt.

Doch vor wenigen Jahrzehnten noch gehörten die röhrenden Motorräder in den engen Kesseln zu den großen Volksfesten dazu. Auch zum Brokser Markt. Eine ganz besondere Geschichte weiß die Bremerin Anni Kahrs zu berichten, eine Geschichte, die sie heute in die Kategorie „Jugendsünden“ einstuft.

Anni Kahrs wurde im ersten Weltkrieg in Bruchhausen-Vilsen geboren, so richtig gut laufen kann sie mit ihren 94 Jahren nicht mehr, sagt sie, aber erinnern kann sie sich sehr genau, an jenen Tag Anfang der 30er Jahre, an jene Augenblicke, die in die Geschichte eingingen. An jene Begebenheit, mit der sie Marktgeschichte schrieb und mit der sie in aller Munde geblieben ist. Bis heute, die lebensluste Anni, geborene Garns, die man nie vergessen hat, obwohl sie mit der Heirat kurz vor dem zweiten Weltkrieg und mit ihren damals 21 Jahren bereits aus dem Kurort Broksen fortgezogen und ihrem Ehemann Hans Kahrs nach Bremen gefolgt ist. Und auch sie hat niemanden vergessen. „Ich bin eine Brokser Deern. Broksen, das ist meine Heimat.“

Aber von vorn, und eigentlich hat die Geschichte zunächst mal gar nichts mit Motorrädern und Steilwänden zu tun. Eigentlich nämlich ging es um den Zirkus, der alljährlich auf dem Brokser Markt gastierte. „Die Tanzgruppe im Zirkus hatte es mir angetan,“ sagt sie heute, „die Mädchen, die dort tanzten, sie schmissen die Beine hoch, das hat mich begeistert. Ich wollte auch so tanzen können.“ Wenn Anni Kahrs davon erzählt, bildet sich Glanz in ihren Augen.

Nur wenige Fotos sind vom Brokser Markt der 30er Jahre erhalten geblieben. Auf parkende Autos war man schon damals eingestellt, ein bisschen jedenfalls, aber auch auf Planwagen und viele umherziehende Händler.

Jedes Jahr besuchte sie den Zircus, mit leuchtenden Augen folgte sie den Vorführungen, und irgendwann nahm das Verhängnis dann seinen Lauf. In die Jahrmarktbude der Steilwandfahrer hatte sie sich verirrt, von hoch oben schaute sie in den Kessel, dorthin, wo die Motorräder ihre Runden drehten. Als besondere Attraktion erklärte sich schließlich „eines der Mädchen aus der Zirkustanzgruppe bereit, auf dem Motorrad mitzufahren,“ sagte Anni Kahrs, „alle haben sie bewundert, ich auch.“ Und dann war die Fahrt zuende, und es erschallte noch einmal die Frage, ob jemand mitfahren möchte.

Anni Kahrs mit ihren damals 17 Jahren hatte sich nichts Böses dabei gedacht. Sie hatte einen Freund, und der hatte ein Motorrad, und dort saß sie schon häufiger auf dem Sozius – Warum also nicht? „Angst, nein, das gab es nicht.“ Mutig reckte sie den Finger empor. Und schon saß sie auf dem Motorrad. Die Klapppforte schloss sich, ein Entrinnen gab es nicht mehr. Augenblicke, die ihr zeitlebens nicht aus dem Sinn gegangen sind. „Ich hatte schon ein komisches Gefühl im Bauch.“ Und Bruchhausen-Vilsen seine Sensation.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht im Ort. Anni Garns ist auf dem Motorrad in der Steilwand gefahren. Bis zum Haus ihrer Eltern war es nicht weit. Ihre Mutter wurde als erste in Kenntnis gesetzt. „Gesche, diene Deern is...“ Natürlich hielt sich die Begeisterung von Mama und Papa in Grenzen. Anni Kahrs drückt sich heute vorsichtig aus: „Als ich nach Hause kam, haben sie geschimpft.“

Dabei hat sie die Fahrt in der Steilwand gar nicht so richtig genießen können. „Nein“, sagt sie und schmunzelt, „ich war froh, als die Tour zuende war.“ Gewiss, sie sei unternehmungslustig gewesen, damals, als sie jung war, und auch später noch, als sie geheiratet hatte und eine Familie hatte, aber „auf ein Steilwandmotorrad, nein, da bin ich nie wieder draufgestiegen.“

Eines aber blieb. Ihre Liebe zum motorgetriebenen Fortbewegungsmittel. „In späteren Jahren habe ich oft versucht, Auto zu fahren. Ich hätte gern den Führerschein gemacht,“ sagt sie heute, und wieder bildet sich Glanz in ihren Augen, „aber das Geld war knapp. Die Ausbildung meiner Kinder, das war mir wichtiger. Ich habe nie Autofahren gelernt.“

Und so ist sie halt mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, auch nach Broksen, vor allem in den Jahren des zweiten Weltkrieges, als die Bomben über Bremen niedergingen und die Kinder in Sicherheit gebracht werden mussten. „In Broksen sind sie gewesen, bei meinen Eltern. Ich habe sie so oft es ging besucht.“

Das könnte Sie auch interessieren

News

Rückblick auf die fünfte Jahreszeit

Rückblick auf die fünfte Jahreszeit
News

Party am Dienstag - Teil 2

Party am Dienstag - Teil 2
News

Pferdemarkt auf dem Brokser Heiratsmarkt

Pferdemarkt auf dem Brokser Heiratsmarkt
News

Party am Dienstag auf dem Brokser Heiratsmarkt

Party am Dienstag auf dem Brokser Heiratsmarkt

Kommentare